Datum: Samstag 18.09.2021 
Ort: Alte Feuerwache Köln

Block 3 - Session 19
18.00h – 19.30h 

Details | 0Wir rufen hier die global-lokale Musikszene in NRW und Deutschland auf, aktiv Solidarität mit den verfolgten  Musiker-Kolleg*innen in Afghanistan zu zeigen und die Bundesregierung aufzufordern sie nach Deutschland einreisen zu lassen. Es ist ein Gebot der Stunde, die Musiker*innen und ihre Familien als Hüter einer großen und friedvollen Musikkultur zu retten und ihnen in Deutschland Schutz zu bieten.   

Über Tausend Jahre gehörte das heutige Afghanistan zum persischen Reich. Das Land hatte eine musikalisch-poetischen Hochkultur. So wurde auch der berühmte Sufi-Mystiker Dschalāl ad-Dīn Muhammad Rūmī (genannt Mevlana) 1207 in der Provinz Balch nahe Mazar-i-Sharif im heutigen Afghanistan geboren. Bis zum 18. Jahrhundert gab es wechselnde Herrschaften von paschtunischen Stämmen, Mongolen, Perser und Indien. Ab dem frühen 19. Jahrhundert kollidierten russische und britische Kolonialinteressen in Afghanistan, es kam zu Teilungen des Landes und zu kriegerischen Einmischungen durch Russen und Engländer. Die heutigen Grenzen Afghanistans, wurden 1921 mit der Anerkennung der Unabhängigkeit des Landes durch Großbritannien und Russland festgelegt.  
Während des Ersten Weltkriegs versuchte das Deutsche Reich, Afghanistan in den Krieg und gegen das Entente-Bündnis von Frankreich, Russland und Großbritannien zu ziehen, um das angrenzende Britisch-Indien zu bedrohen. Dazu wurde eine deutsche Delegation nach Kabul entsandt. Gleichzeitig wurden in Wünsdorf bei Berlin ab 1914 zwei zentrale Lager für alle muslimischen Kriegsgefangenen des Deutschen Reiches und seiner Verbündeten Österreich-Ungarn eingerichtet. Im sogenannten Halbmondlager wurden bis zu 16.000 Kriegsgefangenen zum Heiligen Krieg, dem Dschihad gegen die Entente angeworben. Und die Gefangenen in den Lagern wurden auch ethnologischen Untersuchungen ausgesetzt, um die vermeintliche kulturelle Überlegenheit Deutschlands zu demonstrieren. So wurden von der Königlich Phonographischen Kommission des preußischen Kultusministeriums 1916 – 1918 Tonaufnahmen mit moderner Aufnahmetechnik - Grammophon und Phonograph – gemacht, um Sprache und Musik der ausländischen Soldaten zu dokumentieren.  
Erst 2016 wurden die wahrscheinlich ältesten historischen Tonaufnahmen afghanischer Musik im Lautarchiv der Humboldt Universität Berlin wiederentdeckt. Bei diesem handelt es sich um den musikhistorisch bedeutsamen Fund mit Aufnahmen eines afghanischen Sängers, Abdul Kadir Khan, die 1916 im sogenannten „Halbmondlager“ entstanden.   
Nach der Unabhängigkeit Afghanistans bestand von 1926 bis 1973 ein konstitutionelles Königreich. So war Kabul in den 1960/ 1970er Jahre eine kosmopolitische Stadt mit vielen Touristen. In dieser Goldenen Zeit gab es ein eigenes Musik- und Künstlerviertel in Kabul mit Pop, Jazz, Tanzmusik.   
Afghanistan geriet während der Russischen Invasion 1978 ins Fadenkreuz der Weltpolitik und in der Folge politische Zensur und Attentate auf Musiker, da die Russen Musik nur Musik im Dienste der Propaganda zuließen. Während der Herrschaft der Mujaheddin und des Jihad (Heiliger Krieg) ab 1992 zur Befreiung von der kommunistischen Herrschaft entstand eine Art politisches Lied, das die Mujahedin pflegten, um sich für den Kampf Mut zuzusingen und bei der die Musik jedoch ideologisch dem Islam dienen musste. In der Folge wurden Musikschulen geplündert, Instrumente verbrannt und zerstört, Musikfilme verboten, Musiker mit dem Tod bedroht und dann die Häuser des Musikerviertel in Kabul im April 1992 zerstört. Von 1996 bis zur militärischen Intervention der NATO nach dem 11. September 2001 bestand unter den Taliban eine extreme Interpretation des Islam und der Versuch die afghanische Identität, Geschichte und Kultur zu zerstören: Bücher-, Kassetten und Videoverbrennungen, Zerstörung des kompletten afghanische Filmarchivs, der Buddhas von Bamiyan und Bann jeglicher Musik, Radio und TV. Erlaubt waren nur religiöse Gesänge ohne instrumentale Begleitung (Lieder ohne Musik).      

Nach einer langsamen Erholung der Musikszene Afghanistans ab 2010 werden die Musiker*innen in Afghanistan nun seit der erneuten Machtübernahme der Taliban wieder verfolgt, gejagt und getötet, Musik ist verboten, Instrumente werden verbrannt und zerstört.

Details | Shikiba Babori by Ide LödigeShikiba Babori wurde in Kabul geboren und kam als Tochter eines Diplomaten Ende der 70er Jahre mit ihrer Familie nach Deutschland. Sie hat in Bonn Abitur gemacht, Ethnologie studiert und ihre Liebe zu Spanien und Lateinamerika entdeckt. Nach Afghanistan kehrte sie zum ersten Mal im Jahr 2003 zurück. Seit dem reiste die Journalistin regelmäßig nach Afghanistan und berichtet von den Entwicklungen dort u.a. hat sie 2013 im Auftrag des Fernsehsenders ARTE eine Dokumentation in Afghanistan produziert. Bereits 2009/10 leitete sie das Projekt „Learning by Ear - Afghanistan“ für die Deutsche Welle. Im Rahmen der Deutsche Welle Akademie bildete sie Journalist*innen in Afghanistan aus. Seit 2006 leitet sie das JournalistInnen Netzwerk KALIMA in Afghanistan, das sich über die Vermittlung / Verbreitung / Beschaffung von Hintergrundinformationen zu soziokulturellen Themen und um einen konstruktiven Dialog zwischen den Kulturen bemüht.
Durch Vorträge und Seminare an Hochschulen und für Bildungsträger informiert sie über aktuelle gesellschaftliche landesspezifische Entwicklungen in Afghanistan. 

Details | Husniddin Ato_by_Dilruh_IsomiddinovaHusniddin Ato ist ausgebildeter Musiker, Ethno-Musikwissenschaftler und Kulturmanager aus Usbekistan und einer der führenden Spezialisten traditioneller zentralasiatischer Musik des Landes. Er ist Direktor und künstlerischer Leiter des freien Kulturbüros Oxus Culture in Tashkent. 2007 schloss er sein Studium am Staatlichen Konservatorium Usbekistan mit einem Master an der Fakultät für orientalische Musik ab, absolvierte eine Zusatzausbildung am Kompetenzzentrum Kulturmanager des Goethe Instituts und hospitierte bei verschiedenen renommierten Kulturinstitutionen in Deutschland. Er ist seit Jahren auf internationalen Musikmessen und Festivals ein gern gesehener Repräsentant der unabhängigen Musikszene Zentralasiens, der sich engagiert für die Förderung des immaterielle Kulturerbes und die kulturellen Vielfalt in der Musik wie dem Bukhara Shashmakom, Makam Traditionen aus dem Fergana Tal, aus der Tashkent und der Khorezm Region einsetzt und das reiche volksmusikalische Repertoire Zentralasiens kennt. Er ist Berater für das International Music Festival 'Sharq taronalari' in Samarkand. Mit internationalen Organisationen kooperierte er in Usbekistan, in Europa, China und den USA und organisiert Tourneen, Konzerte und Kulturkonferenzen.
Als geschätzer Fotograf werden seine Live-Fotos von internationalen Musikfestivals und von Musikern in zahlreichen Ausstellungen gezeigt und in Büchern und Dokumentationen veröffentlicht.
Seit 2015 ist er Jury-Mitglied der Transglobal World Music Charts.

Details | Markus Schlaffke by privateMarkus Schlaffke studierte Visuelle Kommunikation und Freie Kunst an der Bauhaus-Universität Weimar und arbeitet als Kulturwissenschaftler, Dokumentarfilmer und Medienkünstler. Seit 2012 forscht und arbeitet er zu Fragen des immateriellen Kulturerbes in Afghanistan. Seit dem hat zahlreiche Dokumentarfilme über Musiker und die Musikszene in Afghanistan gedreht. Er promovierte im Ph.D. Studiengang „Kunst und Design“ an der Bauhaus-Universität Weimar zu neuen Strategien bei der Arbeit mit Archiven.  

Details | JohannesTheurer_by_WMCEDer aus Witten an der Ruhr stammende Rundfunkredakteur und Moderator studierte Publizistik, Philosophie und Musikwissenschaft in Berlin. Er ist seit 1978 als freier Reporter und Musik-Autor für zahlreiche Magazine und den ARD-Hörfunk tätig. So moderierte er u. a. 33 Jahre die World Music Sendung „Dschungelfieber“ (RadioEINS), war Herausgeber und Koordinator der World Music Charts Europe WMCE und Chair der World Music Gruppe der Europäischen Rundfunk Union (EBU). Von 1994 bis 2003 war er Musikchef bei SFB4-Radio Multikulti. In den letzten Jahren war er als Redakteur beim Rundfunk Berlin-Brandenburg, als Co-Organisator von Musik-Konferenzen und Messen sowie als Vorsitzender der Gesellschaft für traditionelle Musik Berlin tätig. Als RBB-Manager für die von der EU finanzierten internationalen Cultural Heritage-Audio-Projekte zur Förderung der virtuellen Bibliothek EUROPEANA, kuratierte er den multilingualen digitalen online Musik-Katalog DISMARC.org. Dieser führt Daten des kulturellem Erbe und kommerziellen Veröffentlichungen von über 1.000 Musik-Sammlungen aus mehr als 100 Institutionen zusammen und fungiert als Content-Provider für die EUROPEANA.
Für die European Broadcasting Union (EBU) hat er in Kooperation mit dem UNHCR das aLive Multimediaprojekt anlässlich des Weltflüchtlingstages am 20. Juni 2015 initiiert. Flüchtlinge wurden eingeladen, einfache und private audiovisuelle Clips mit Liedern ihrer Wahl zu produzieren und spielen, die sie an ihre Heimat, des verlorene Leben und geliebte Menschen erinnern oder äußern Hoffnungen und Ängste über neue Entwicklungen in den veränderten Lebensumständen. Über das EBU-Netzwerk standen den angeschlossenen Sendern in Europa Video- und Begleitdokumente zur Einbindung in Programme und die eigenen Websites der Sender zur Verfügung.  


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